Schenken als Umverteilung

 "Schenken ist eine Insel im Kapitalismus." Diesen Titel las ich vorhin bei Spiegel-online. Es stimmt, wenn man Schenken als Umverteilung versteht. Ich habe vor einigen Wochen begonnen, Fünfeuroscheine in Bücher zu legen, die in öffentlichen Bücherschränken stehen. Einfach so. Als Geschenk an diejenigen, die dieses Buch mit nachhause nehmen. 

Es fing damit an, dass ich Anfang November aus Neugier in einen öffentlichen Bücherschrank schaute, eins der Bücher rausnahm, darin blätterte und plötzlich dachte: Wie super wäre es, wenn jetzt hier zwischen diesen Seiten ein Geldschein läge. Und unter meiner Mund-Nasen-Maske breitete sich ein Lächeln aus, das mich überraschte. Ich freute mich. Dann, beim Weitergehen, dachte ich: Wenn allein der Gedanke schon Freude bereitet, wie sehr erst hätte ich mich an einem echten Geldschein gefreut. Wegen der Überraschung. Aber auch wegen der Geschichte, die dahinter steckt, denn Geldscheine zwischen Buchseiten zu stecken oder zu verstecken ...  das haben viele schon getan, aus vielen unterschiedlichen Gründen, sie jedoch zu finden, und behalten zu können, sie sozusagen geschenkt zu bekommen, anonym, einfach so ...

Ich hatte den starken Impuls, meinen Teil dazu beizutragen, dass Menschen sich unerwarteterweise freuen können, zumal die Zeiten für alle schwierig sind und es auf Weihnachten zugeht. 

Meine Phantasie war angeworfen und ich geriet ins Spinnen: Wenn es ein großer Geldschein wäre, also ein Fünfzig- oder Hundert- oder Zweihunderteuroschein, dann hätte ich als Finderin ein Problem, denn dann hätte ich den Impuls, den Schein zurückgeben zu wollen. Aber wie soll man den Besitzer des Buches finden? Das wäre eine Herausforderung, man müsste einen Zettel schreiben und ihn an den Bücherschrank kleben und ....  zu kompliziert! Viel besser ist ein kleiner Schein, den man nicht zurückgeben will, weil sofort klar ist, dass der Wert zu gering ist für den Aufwand, den man betreiben müsste. Am besten wäre der kleinste Schein, den wir derzeit haben, ein Fünfeuroschein.

Zudem passt dieser Betrag zu meinem Budget, falls ich meine Idee umsetzen sollte. Fünf Euro ist okay für mich. Ich muss jedoch darauf achten, dass es nicht zu viele werden. 

Meine Idee war, anderen eine Überraschung zu  bereiten, damit unter ihrer Mund-Nasen-Maske möglicherweise ein Lächeln entstehen kann und sich breit macht, wenn sie den Schein zufällig in einem der Bücher finden, die irgendjemand dorthin gestellt hat, damit sie sich irgendjemand mit nachhause nimmt.

Seit diesem Tag sammle ich Fünfeuroscheine zuhause in einem Glas und stecke sie in den Rucksack, wenn ich zu "meinem" Bücherschrank fahre, um nachzuschauen, ob die Bücher schon mitgenommen wurden, die ich sozusagen "verändert" habe, oder ob sie noch dort stehen. 

Und wie das so ist mit Projekten, die ich entwickle und durchführe, ich dokumentiere sie auch. Also mache ich von jedem Buch, in das ich einen Fünfeuroschein lege, ein Foto. Es macht mir Freude, ganz unterschiedliche Genres von Büchern zu "verändern". 

Ein Mal habe ich einen Schein in ein Exemplar des Bürgerlichen Gesetzbuches gelegt, weil ich folgenden Gedankengang hatte: Dieses Buch wird wahrscheinlich lange im Schrank stehen bleiben, weil es nicht der Unterhaltung dient, also kann ich hin und wieder nachschauen, ob jemand den Schein vielleicht aus dem Buch genommen hat. Als ich zwei Tage später zum Bücherschrank kam, war das Bürgerliche Gesetzbuch verschwunden. Übrigens sind alle von mir veränderten Bücher innerhalb weniger Tage verschwunden, allerdings wird der Bücherschrank keineswegs leerer. 


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