Erkenntnisse machen mich glücklich

Manchmal kommt eine Erkenntnis wie aus dem Nichts. Oft unverhofft. So wie eben, als ich in der Küche stand und eine noch nicht reife Avocado schälte und in Streifen schnitt, um sie in etwas Öl anzubraten, um zu testen, ob sie auf diese Weise weich wird und vielleicht sogar schmeckt. 

Ich hatte diese Avocado gestern aufgeschnitten, weil der Fühltest mir suggeriert hatte, sie sei weich genug, um sie für den Salat zu verwenden. Aber sie war steinhart. Daraufhin habe ich die beiden Hälften wieder zusammengesetzt und in ein Papiertuch gewickelt. Den Salat gab es dann ohne Avocado.

Natürlich habe ich mir eben, als ich die Avocado aus dem Papier auswickelte, weil mir diese Idee gekommen war, es mit dem Braten auszuprobieren, in den Sinn, dass ich noch nie etwas davon gehört oder gelesen oder gesehen hatte, dass man eine unreife Avocado weich braten kann. Und da ich viele Kochvideos schaue, dachte ich, dass meine Idee wahrscheinlich nicht klappen wird. 

Aber ich war entschlossen, es auszuprobieren. Ich wollte es wissen. Und da kam mir beim Avocadoschneiden plötzlich eine Erkenntnis, die überhaupt nichts mit dieser Avocado zu tun hat. Es war sozusagen eine Selbsterkenntnis. Ich erkannte plötzlich, wie glücklich mich Erkenntnisse machen. Und wie engagiert ich sein kann, wenn ich etwas herausfinden will. Wie belebend ich es empfinde, etwas auszuprobieren. Im Experimentieren erlebe ich mich irgendwie als ganze Person. Ich glaube, an mir ist eine Forscherin verloren gegangen. 

Und schon erinnere ich mich an meine Kindheit und daran, dass ich immer schon neugierig war und mehr wissen wollte. Mein familiäres Umfeld aber war mit diesem fragenden Mädchen überfordert. Sie haben mir das Fragen ausgetrieben. Ich habe es mir jedoch im Laufe meines Lebens auf ganz unterschiedlichen Gebieten zurückerobert. Unter anderem in der Küche. Aber auch im Thema Alter oder im Thema gemeinschaftliche Wohnprojekte, wozu ich jeweils ein Buch geschrieben habe. Immer als Fragende. Als Wissende würde mich schreiben nicht interessieren. In der Küche geht es mir genauso. Am liebsten koche ich etwas, was ich noch nie gekocht habe. Experimentieren ist eben mein Element. Durch Forschen legitimiertes Nichtwissen ist die Geisteshaltung, in der ich mich am wohlsten fühle.

Was jetzt die Avocado angeht. Es hat geklappt. Die in Rapsöl gebratenen Avocadostreifen sind weich geworden. Sie schmecken anders als eine in der Schale gereifte Avocado, aber sie schmecken. Ich hätte vielleicht weniger Hitze einsetzen sollen, dann wären die Röstaromen nicht so stark, das wäre wahrscheinlich für den Geschmack besser.

Und noch was: Wenn man im Alter erkennt, was sonst noch aus einem hätte werden können, weil man bestimmte Fähigkeiten in sich trägt, die sich jedoch nicht ganz einfach und von Kindheit an entfalten konnten, dann hat das immer etwas Schmerzhaftes. Gleichzeitig fällt mir der Satz ein: Es ist nie zu spät. Und auf mich bezogen heißt das: Forschen kann ich solange ich lebe. Was ich brauche ist: einen Impuls, eine offen formulierte Frage, einen Internetzugang, reichlich Freude am Nichtwissen und genug Lust auf Erkenntnis. Das ist alles. Und all das habe ich.  

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Schenken als Umverteilung

Online Online Online, und am Ende bin ich immer glücklich.

Vertrauen braucht eine ehrliche Beziehung zur Wahrheit